30.01.2020

Oberfränkische Wirtschaft drängt auf Brexit-Abkommen

Eine 1973 begonnene Partnerschaft geht zu Ende
"Nach 47 Jahren geht die Ehe zwischen der EU und Großbritannien zu Ende", so Gabriele Hohenner, Hauptgeschäftsführerin der IHK für Oberfranken Bayreuth. "Aber auch nach einer Scheidung kann man weiter vertrauensvoll miteinander umgehen. Wir hoffen deshalb im Interesse unserer Wirtschaft, dass es gelingt, Großbritannien auch in Zukunft eng an die EU zu binden."
Vor dem Brexit-Termin am 31. Januar 2020 spricht sich die IHK für einen zügigen Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen der EU und Großbritannien aus. "Die Unternehmen auf beiden Seiten des Kanals profitieren von einer möglichst engen Anbindung Großbritanniens an die EU ohne Zölle oder andere Handelshemmnisse", so Hohenner. "Beide Seiten sind nun gefordert, an einer tragfähigen und zukunftsorientierten Lösung zu arbeiten." Während der Übergangsphase bleiben die Regelungen des EU-Binnenmarktes weiterhin gültig, der britische Zugang zur EU bleibt weiter bestehen.
Über 200 Mitgliedsunternehmen der IHK für Oberfranken Bayreuth haben Lieferanten oder Abnehmer in Großbritannien. Je nach Ausgang der Brexit-Verhandlungen kommen künftig zollrechtliche Vorschriften für den Warenverkehr zum Zuge. Mit diesen hätten viele bislang nur im EU-Binnenmarkt tätige Unternehmen keinerlei Erfahrungen sammeln können. Hohenner: "Gerade diese Unternehmen sollten die Übergangsphase für weitere Vorkehrungen nutzen." Die IHK-Organisation stellt  eine entsprechende Checkliste bereit: www.ihk.de/brexitcheck.
Großbritannien wichtiger Handelspartner
Großbritannien ist einer der wichtigsten Handelspartner Oberfrankens. Wichtige oberfränkische Exportgüter sind Kfz-Teile, Maschinen, Mess- und Steuergeräte sowie medizinische Geräte. Konkrete Zahlen über das Exportvolumen oberfränkischer Produkte ins vereinigte Königreich werden nicht erhoben. Wichtigstes bayerisches Exportgut für den britischen Markt waren in den ersten elf Monaten des Jahres 2019 Pkw (4,322 Milliarden Euro), vor Kfz-Teilen (869 Millionen Euro) und Geräten zur Elektrizitätserzeugung (440 Millionen Euro).
Exporte nach Großbritannien gingen seit 2015 um ein Fünftel zurück
Gegenüber 2015, also dem Jahr vor dem Brexit-Referendum, gingen die bayerischen Exporte um 18,7 Prozent oder 2,67 Milliarden Euro auf 11,6 Milliarden Euro zurück. Dies ist in erster Linie auf den Exportrückgang bei Pkw um 2,3 Milliarden Euro auf 4,3 Milliarden Euro zurückzuführen. Aber auch die Kfz-Zulieferer (-43,9 Millionen Euro), die Hersteller von Mess- und Steuerungstechnik (-34 Millionen Euro) und von medizinischen Geräten (-23,3 Millionen Euro), Branchen, die auch in Oberfranken stark sind, mussten Einbußen hinnehmen. Hohenner: "War Großbritannien 2015 noch zweitwichtigster Abnehmer bayerischer Produkte, ist das Land inzwischen auf den fünften Platz zurückgefallen."
Laut einer IAB-Studie sind in Bayern rund 80.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Exportgeschäft mit Großbritannien abhängig. Eine im Auftrag der IHK München erstellte Studie des ifo Instituts München hat ergeben, dass ein harter Brexit Bayern jährlich 0,24 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum kosten könnte, das entspricht einem Verlust von 1,4 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung.