24.04.2020

Kronacher Wirtschaft: Rückkehr zur Normalität?

IHK-Vizepräsident Hans Rebhan zu den aktuellen Herausforderungen

"Seit Ende des 2. Weltkriegs war der Druck auf die Kronacher Wirtschaft nicht mehr so stark, wie in den vergangenen Wochen", so IHK-Vizepräsident Hans Rebhan, der auch Vorsitzender des IHK-Gremiums Kronach ist. 82 Prozent der Unternehmen erwarten – so das Ergebnis einer aktuellen IHK-Umfrage – für 2020 einen Umsatzrückgang, jedes dritte Unternehmen rechnet mit einem Personalabbau, zwölf Prozent der Unternehmen droht demnach sogar die Insolvenz. Hans Rebhan: "Deshalb ist es wichtig die Wirtschaft schrittweise wieder zu öffnen."
Nach Ansicht von Rebhan ist das Gesamtpaket aus Corona-Soforthilfe, der Ausweitung der Kurzarbeiterregelung, Steuererleichterungen und Kreditprogrammen mit weitgehender Haftungsfreistellung ausgewogen zusammengestellt. Auch im nationalen und internationalen Vergleich gebe es nirgendwo ähnlich umfangreiche Hilfsmaßnahmen. "Dafür sage ich im Namen der betroffenen Unternehmerinnen und Unternehmer vielen Dank an die Bundes- und vor allem Landespolitik", so der IHK-Vertreter. Wichtig sei nun, dass das Geld auch zeitnah bei den Unternehmen ankommt. "Bei etlichen Unternehmen zählt buchstäblich jeder Tag ", so Rebhan, der aber auch die Regierung von Oberfranken lobt, die schon über 10.000 Anträge für die Corona-Soforthilfe bearbeitet hat.

Einzelhandel: Ungerechte Abgrenzungen?

Rebhan begrüßt die vorsichtige Rückkehr zur Normalität. Dass die Öffnungen schrittweise vollzogen werden müssen, sei mit Blick auf das Virus nachvollziehbar. "Unsere Unternehmen und die vielen Soloselbständigen brauchen aber möglichst frühzeitig Informationen und vor allem Planungssicherheit, unter welchen Rahmenbedingungen die Aktivitäten wieder gestartet oder ausgeweitet werden dürfen", betont Rebhan. Bei allen Regulierungen müsse jetzt der Grundsatz "keep it simple" gelten.
Rebhan plädiert für fixe Regeln für alle Branchen. "Ich kann nachvollziehen, dass man Menschenansammlungen vermeiden will. Trotzdem halte ich es für falsch, dass Geschäfte über 800 Quadratmeter und Fachmarktzentren geschlossen bleiben müssen. Das empfinden die betroffenen Händler als ungerecht, wie auch zahlreiche Anrufe bei der IHK zeigen", betont der Vizepräsident. Erste gerichtliche Entscheidungen in anderen Bundesländern hätten den Zweifel an der Rechtmäßigkeit dieser Abgrenzung bereits bestätig. Betroffene gebe es viele: zwei Drittel der Einzelhändler haben in der IHK-Blitzumfrage einen Stillstand der geschäftlichen Tätigkeit angegeben.
Hart treffe es auch viele Dienstleistungsbetriebe, die Unternehmen im Veranstaltungssektor, im Messewesen sowie Schausteller, da bis auf weiteres keine Großveranstaltungen, Messen oder Volksfeste stattfinden.

Industrie von Wertschöpfungsketten abhängig

"Die Industrie ist Motor der Wirtschaft im Frankenwald und erwirtschaftet eine hohe Wertschöpfung. Ziel muss es nun sein, dass die gesamte Wertschöpfungskette zum Laufen kommt und nicht nur einzelne Teile daraus", betont Rebhan. Deutlich wird das an der Automobilbranche in ihrem engen Zusammenspiel mit den vielen Zulieferern auf der einen und den Autohäusern auf der anderen Seite. Schon vor der Corona-Zeit habe die heimische Zulieferindustrie mit Problemen zu kämpfen gehabt. Rebhan: "Umso wichtiger ist ein möglichst EU-weit abgestimmter Zeitplan, damit Industriebetriebe und Logistiker europaweit ihre Lieferketten wieder aufeinander abstimmen können. Wir brauchen auf EU-Ebene wieder mehr Miteinander statt Neben- oder Gegeneinander!"

Wann dürfen Hotels und Gaststätten wieder öffnen?

Schwer trifft es laut Rebhan Gastronomie und Hotellerie, die auch weiterhin geschlossen bleiben müssen. Im Gegensatz zu anderen Branchen könne der entfallene Umsatz auch nicht mehr nachgeholt werden. Rebhan: "Den Unternehmen setzt das empfindlich zu. Gerade in dieser Branche sind viele Unternehmen in ihrer Existenz bedroht". Über Lockerungen auch für diese Betriebe, sicherlich mit Einschränkungen, müsse man diskutieren. Die Einhaltung der Hygienevorschriften und eines Mindestabstandes von 1,5 Metern seien Grundvoraussetzung. Darüber könnten laut Rebhan ein Verzicht auf Büfetts und Flexibilität bei den Öffnungszeiten helfen. „Um einen relevanten Umsatz zu gewährleisten, sollte Gastronomiebetrieben ein Frühstücksservice sowie Mittags- und Abendtisch ermöglicht werden“, fordert Rebhan. Bei der IHK-Blitzumfrage hatten 90 Prozent der Gastro-Unternehmen angegeben, aktuell keinen Umsatz zu machen, über 70 Prozent denken über Entlassungen nach.

Reisebüros vor dem Aus?

Noch härter trifft es Reiseveranstalter und Reisebüros. Rebhan: "Reisebüros dürfen zwar wieder öffnen, haben aber nichts zu verkaufen." Stationären Reisebüros sei fast das komplette Neugeschäft weggebrochen. Der Umsatz aus dem Reisevertrieb werde nur sehr langsam wieder zurückkehren. Hinzu komme, dass Reisen im großen Stil storniert wurden und somit rückwirkend die Provisionen entfallen, die das Reisebüro bereits erhalten hat, also auch der Gewinn der vergangenen Monate. "Kein Neugeschäft, die Zurückzahlung bereits erhaltener Provisionen, unbezahlte Mehrarbeit wegen der Stornierungen und unsichere Zukunftsaussichten: Vor diesem Hintergrund finde ich die Forderung der Branche nach einem eigenen Rettungsmodell absolut nachvollziehbar", so Rebhan. Über 80 Prozent der Unternehmen in der Reisewirtschaft machen, so die jüngste IHK-Blitzumfrage, aktuell keinen Umsatz, zwei von drei Unternehmen schließen Entlassungen nicht aus.

Appell an Verbraucher

"Für die besonders betroffenen Branchen im Gastgewerbe oder im Einzelhandel setze ich auf die Solidarität der Verbraucher. Wer auch künftig noch belebte Innenstädte haben will, muss lokal einkaufen. Viele Gastronomen bieten Speisen zum Mitnehmen an. Dieses Angebot wird im Frankenwald sehr gut genutzt. Dafür dankte Rebhan den Verbrauchern und appellierte gleichzeitig diesen Service weiterhin zu nutzen.
Rebhan dankt auch den Mitarbeitern der IHK-Task Force in Bayreuth, die die betroffenen Unternehmen informieren und unterstützen: Über 230.000 Zugriffe auf die täglich mehrfach aktualisierte Homepage seit dem 13. März, gut 18.000 telefonische Beratungen und über 40 Newsletter an mittlerweile 1.700 Abonnenten sprächen eine deutliche Sprache: www.bayreuth.ihk.de/corona