24.04.2020

Lichtenfelser Wirtschaft: Rückkehr zur Normalität?

IHK-Vizepräsident Wilhelm Wasikowski zu den aktuellen Herausforderungen

"Wenn wir im Landkreis Lichtenfels auch künftig ein attraktives Handels-, Gastronomie und Dienstleistungsangebot haben wollen, ist jeder Einzelne gefordert. Ich baue hier auf die Solidarität der Verbraucher: Konsumiert in der Region", appelliert Wilhelm Wasikowski, Vizepräsident der IHK für Oberfranken und Vorsitzender des IHK-Gremiums Lichtenfels an die Verbraucher.
"Zuletzt war der Druck auf die Lichtenfelser Wirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg so stark wie in den vergangenen Wochen", so Wasikowski. 82 Prozent der oberfränkischen Unternehmen erwarten – so das Ergebnis einer aktuellen IHK-Umfrage – für 2020 einen Umsatzrückgang, jedes dritte Unternehmen rechnet mit einem Personalabbau, zwölf Prozent der Unternehmen droht demnach sogar die Insolvenz. Umso wichtiger sei es, Öffnungen schrittweise zu realisieren.
Aus seiner Sicht Passt das Gesamtpaket aus Corona-Soforthilfe, der Ausweitung der Kurzarbeiterregelung, Steuererleichterungen und Kreditprogrammen mit weitgehender Haftungsfreistellung, es ist ausgewogen zusammengestellt. "Dafür im Namen der betroffenen Unternehmerinnen und Unternehmer herzlichen Dank an die Politik", so der IHK-Vertreter. Er lobt aber auch die Regierung, die bisher über 11.000 Anträge für die Corona-Soforthilfe bearbeitet hat. Wichtig sei nun, dass das Geld auch zeitnah bei den Unternehmen ankommt. Wasikowski: "Viele Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand. Hier kommt es buchstäblich auf jeden Tag an."

Einzelhandel: Ungerechte Abgrenzungen?

Wasikowski begrüßt die schrittweise Rückkehr zur Normalität. Dass diese Öffnungen schrittweise vollzogen werden müssen, sei nachvollziehbar. "Unsere Unternehmen und brauchen möglichst frühzeitig Planungssicherheit, unter welchen Rahmenbedingungen die Aktivitäten wieder gestartet oder ausgeweitet werden dürfen." Bei allen Regulierungen sollte der Grundsatz "keep it simple" gelten.
"Hilfreich wären dazu fixe Regeln für alle Branchen. Es ist dem Betreiber eines kleinen Schuhladens oder eines Handyladens in einer Shoppingmall oder einem Fachmarktzentrum nur schwer vermittelbar, warum er ab dem 27. April nicht öffnen darf, seine Konkurrenz in der Fußgängerzone aber schon", so der IHK-Vizepräsident. "Ich kann die Argumentationsschiene nachvollziehen, halte es aber für falsch, mit zweierlei Maß zu messen, so dass Geschäfte über 800 Quadratmeter und alle Geschäfte in Malls und Fachmarktzentren geschlossen bleiben müssen. Das empfinden die betroffenen Händler als ungerecht, wie auch zahlreiche Anrufe bei der IHK zeigen." Erste gerichtliche Entscheidungen bestätigen den Zweifel an der Rechtmäßigkeit dieser Abgrenzung. Zwei Drittel der Einzelhändler haben in der IHK-Blitzumfrage einen Stillstand der geschäftlichen Tätigkeit angegeben.
Hart trifft es auch die Unternehmen im Veranstaltungssektor, im Messewesen sowie Schausteller, da bis auf weiteres keine Großveranstaltungen, Messen oder Volksfeste stattfinden. Wasikowski: "

Wann dürfen Hotels und Gaststätten wieder öffnen?

Besonders stark leiden Gastronomie und Hotellerie, die auch weiterhin geschlossen bleiben müssen. Im Gegensatz zu anderen Branchen ist der entfallene Umsatz der vergangenen Wochen unwiederbringlich verloren. Wasikowski: "Den Unternehmen setzt das empfindlich zu, gerade in dieser Branche droht vielen Unternehmen das Aus." Wenn im Zuge der Lockerung auch diese Betriebe öffnen dürfen, wird dies sicherlich mit Auflagen verbunden sein, etwa der Einhaltung eines Mindestabstandes von 1,50 Metern, dem Verzicht auf Büfetts, Bodenmarkierungen beim Check-in von Hotels oder die Anbringung einer Hygieneschutzwand am Empfang des Hotels. Um einen relevanten Umsatz zu gewährleisten, sollten die Öffnungszeiten von Gastronomiebetrieben einen Frühstücksservice sowie Mittags- und Abendtisch ermöglichen, fordert Wasikowski. Bei der IHK-Blitzumfrage haben 90 Prozent der Hotels und Gaststätten angegeben, aktuell keinen Umsatz zu machen, über 70 Prozent denken über Entlassungen nach.

Reisebüros vor dem Aus?

Noch härter trifft es Reiseveranstalter und Reisebüros. Wasikowski: "Reisebüros dürfen zwar wieder öffnen, können aber letztendlich nichts verkaufen." Nicht nur, dass den Reisebüros im Landkreis Lichtenfels fast das komplette Neugeschäft weggebrochen ist, der Umsatz aus dem Reisevertrieb wird nur sehr langsam wieder zurückkehren. Hinzu kommt, dass Reisen im großen Stil storniert wurden, schließlich gelten weltweite Reisewarnungen. Damit entfallen rückwirkend die Provisionen, die das Reisebüro bereits erhalten hat, also auch der Gewinn der vergangenen Monate entfällt. "Kein Neugeschäft, die Zurückzahlung bereits erhaltener Provisionen, unbezahlte Mehrarbeit wegen der Stornierungen und unsichere Zukunftsaussichten: Vor diesem Hintergrund finde ich die Forderung der Branche nach einem eigenen Rettungsschirm absolut nachvollziehbar", so Wasikowski. Über 80 Prozent der Unternehmen in der Reisewirtschaft machen, so die jüngste IHK-Blitzumfrage, aktuell keinen Umsatz, zwei von drei Unternehmen schließen Entlassungen nicht aus.

Industrie von Wertschöpfungsketten abhängig

"In der Industrie steht weniger die einzelbetrieblichen Situation im Fokus, hier muss vielmehr die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet werden", betont Wasikowski. "Die Industrie ist Motor unserer Lichtenfelser Wirtschaft und erwirtschaftet eine hohe Wertschöpfung. Ziel muss es nun sein, dass die gesamte Wertschöpfungskette zum Laufen kommt und nicht nur einzelne Teile daraus." Er verdeutlicht das an Automobilbranche in ihrem engen Zusammenspiel mit den vielen Zulieferern auf der einen und den Autohäusern auf der anderen Seite. Wasikowski: "Notwendig ist ein möglichst EU-weit abgestimmter Zeitplan, damit Industriebetriebe und Logistiker europaweit die Lieferketten wieder aufeinander abstimmen können. Wieder mehr Miteinander statt Neben- oder Gegeneinander in Europa!"
Wasikowski dankt auch den Mitarbeitern der IHK-Task Force in Bayreuth, die die betroffenen Unternehmen informieren und unterstützen: Über 230.000 Zugriffe auf die täglich mehrfach aktualisierte Homepage seit dem 13. März, gut 18.000 telefonische Beratungen und über 40 Newsletter an mittlerweile 1.700 Abonnenten sprächen eine deutliche Sprache: www.bayreuth.ihk.de/corona