23.08.2019

Kulmbacher Industrie wächst nicht mehr

Weiter positive Entwicklung in Handel und Dienstleistungen, Gastronomie und Bau


Eine "Nullnummer" verzeichnet die Kulmbacher Industrie im zweiten Quartal 2019. Die Beschäftigtenzahl blieb gegenüber dem Vorjahr unverändert, der Umsatz stieg nur noch um 0,1 Prozent. Im vierten Quartal 2018 lag das Beschäftigtenplus nach Berechnungen der IHK für Oberfranken Bayreuth in der Industrie noch bei 2,7 Prozent und der Umsatzzuwachs bei 3,1 Prozent.
"Die Rahmenbedingungen für die Industrie sind auch im Landkreis Kulmbach schwieriger geworden", fasst Michael Möschel zusammen, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des IHK-Gremiums Kulmbach.
Der Landkreis Kulmbach profitierte nicht zuletzt dank der großen Bedeutung seiner Industrie vom langanhaltenden Konjunkturaufschwung seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009. In Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes mit 50 und mehr Beschäftigten ist die Mitarbeiterzahl seit 2010 um 660 oder 9,7 Prozent auf 7.453 im zweiten Quartal 2019 gestiegen. Beim Umsatz legten die Unternehmen im gleichen Zeitraum um 16,9 Prozent zu.
Vier Branchen sind oberfrankenweit vom aktuellen Umsatzrückgang in der Industrie besonders stark betroffen: Die Kfz-Zulieferer, die Glas- und Keramikindustrie, die Textilindustrie sowie die Polstermöbelhersteller. "Gerade die Situation der Automobilindustrie bleibt nicht ohne Auswirkungen auf den Wirtschaftsraum Kulmbach", so der IHK-Vizepräsident. Die deutschen Automobilhersteller setzen nicht mehr so viele Autos ab wie in den vergangenen Jahren und haben ihre Produktion zurückgefahren. Das bekommen auch die Kfz-Zulieferer im Raum Kulmbach zu spüren. Zum Glück ist Kulmbach auch in der industriellen Produktion breit aufgestellt. Von der Nahrungsmittelindustrie über die Kälte- und Klimatechnik bis hin zum sonstigen Maschinenbau können wir so Branchenprobleme besser abfedern.
Nicht betroffen von der nachgebenden Konjunktur sind der Handel, die Dienstleistungen, der Tourismus und das Baugewerbe, wie Möschel betont: "Dort wächst die Nachfrage weiterhin."
Längst ist Kulmbach mit der Weltwirtschaft eng verbandelt. Gut ein Drittel der Industriearbeitsplätze ist den Exporten zu verdanken. Die Nachfrageschwäche in China, der Konflikt zwischen den USA und China, der drohende harte Brexit oder die Regierungskrise in Italien hinterlassen deshalb auch am Standort Kulmbach ihre Spuren.
Möschel vermisst Zukunftsstrategie
Nach zehn Jahren Aufschwung sieht Möschel die Gefahr einschneidender Veränderungen. Bund, Land und Kommunen haben sich an ein hohes Steueraufkommen gewöhnt. "Die Verlockung ist groß, einfach weiter zu machen wie bisher." Davor warnt Möschel: "Ehe wir uns versehen, wird Deutschland so wieder zum 'kranken Mann' in Europa. Wir haben Defizite am Standort Deutschland in nahezu allen Zukunftsbranchen, die müssen wir beheben, wollen wir wettbewerbsfähig bleiben." Möschel nennt hier den Infrastrukturausbau, die Digitalisierung, die Energiewende, den Klimaschutz und den Fachkräftemangel. Möschel: "Jeder Unternehmer hat eine Mittel- und Langfriststrategie. So etwas fehlt in der deutschen Politik seit Jahren."
Ob es sich um eine eher kurzfristige Nachfrageschwäche oder um erste Vorboten für strukturelle Probleme handelt, lasse sich aktuell nicht beantworten. Möschel: "Im Oktober liegen die aktuellen Ergebnisse der IHK-Konjunkturumfrage vor. Dann wissen wir zumindest, mit welcher Entwicklung die Kulmbacher Unternehmen für die kommenden 12 Monate rechnen."