26.02.2020

Verunsicherung wächst

Wie das Coronavirus die oberfränkische Wirtschaft trifft

Auswirkungen Produktionsausfälle in China

Die oberfränkische Wirtschaft beobachtet die Entwicklung in China sehr genau, vor allem die gut 120 oberfränkischen Unternehmen, die Wirtschaftskontakte mit China haben. Betroffen in Oberfranken sind vor allem Unternehmen mit Produktionsstätten vor Ort und solche, die auf Zulieferteile aus China angewiesen sind.
Da Container per Schiff rund 50 Tage von China nach Europa unterwegs sind, kommen Lieferengpässe zeitversetzt in Deutschland an. Viele Industrieunternehmen in China hatten nach den chinesischen Neujahrsferien ihre Produktion nicht gleich wieder aufgenommen. Je länger dieser Produktionsstopp dauert, desto spürbarer werden die Auswirkungen.

Bedeutung Chinas als Handelspartner

Nach den USA ist China 2019 das wichtigste Abnehmerland für bayerische Produkte. In den ersten 11 Monaten 2019 gab es einen leichten Exportrückgang von -0,9% gegenüber 2018 auf 15,5 Milliarden Euro, zurückzuführen vor allem auf den Exportrückgang bei Kfz-Teilen, wovon auch Oberfranken stark betroffen ist. China ist der größte Automarkt der Welt. Der Automarkt in China dürfte seine Talfahrt durch den Corona-Ausbruch erkennbar beschleunigen. Im Vergleich zu 2015 stiegen die Exporte nach China um 16,4 Prozent.
Neun Prozent aller bayerischen Importe entfallen auf China. Nur aus Österreich importierte Bayern 2019 mehr als aus China. In den ersten elf Monaten 2019 gab es gegenüber 2018 einen Importzuwachs von +4,3% auf 15,9 Milliarden Euro. Außerdem muss berücksichtigt werden, dass bei Importen aus anderen Ländern oft auch Rohstoffe und Vorprodukte aus China verbaut sind. Der Verflechtungsgrad zwischen der deutschen und der chinesischen Wirtschaft ist also sehr hoch. 43 Prozent aller elektrischen Lampen, die 2019 nach Bayern importiert werden, kommen aus China, bei Uhren liegt der Anteil bei 40 Prozent, bei nachrichtentechnischen Geräten (z.B. Smartphones) bei 30 Prozent, bei Textilerzeugnissen sowie Fernseh- und Rundfunkgeräten bei 28 Prozent.
Amtliche Exportstatistiken liegen erst mit einer Verzögerung von knapp drei Monaten vor, so dass sich Auswirkungen durch das Coronavirus in den Zahlen noch nicht niederschlagen. Oberfränkische Exportdaten werden nicht erfasst.

Transportkapazitäten China - Europa

Wegen der Produktionsstopps hängt ein Großteil der Container in China fest, in Deutschland wird Containerplatz zunehmend zu einem Engpassfaktor. Dies betrifft insbesondere die Reefer-Container, also Container für verderbliche Waren. Hier kommt noch dazu, dass China wegen der grassierenden afrikanischen Schweinepest Rekordmengen an Fleisch einführt, die Container werden entsprechend knapp. DHL und Deutsche Post nehmen seit dem 15. Februar keine Paket- oder Briefsendungen mehr nach China an.
Vom Coronavirus ist im einzigen deutschen Container-Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven noch nichts zu bemerken. Mit Blick auf gestrichene Schiffsabfahrten in China ist dies aber wohl nur eine Frage der Zeit.
Geschäftsreisen von und nach China finden aktuell praktisch keine mehr statt.
Durch die aktuelle Streichung aller Passagierflüge der Lufthansa und anderer Airlines nach China reduzieren sich Frachtkapazitäten im Flugverkehr nach China um mehr als 50 Prozent. Durch Umbuchungen oder Neudispositionen können deutsche Spediteure diese Kapazitätsengpässe noch ausgleichen, allerdings zu höheren Kosten.
Die Lufthansa will ab 1. März die Zahl der wöchentlichen Frachtflüge nach China wieder aufstocken, bleibt aber spürbar unter der üblichen Zahl seiner Frachtflüge nach China. Nach einer mehrwöchigen Pause startete am 16. Februar der erste Güterzug aus China über die "Neue Seidenstraße" Richtung Europa. Dieser Zug wird Ende Februar im russischen Kaluga eintreffen.

Mittelfristige Auswirkungen (China)

Bei der Ausbreitung von SARS 2002 hat sich gezeigt, dass Produktionsausfälle relativ zeitnah ausgeglichen werden konnten. Ob dies bei Corona auch wieder so ist, hängt stark davon ab, wie schnell es gelingt, das Coronavirus einzudämmen. Erste Unternehmen in China produzieren inzwischen wieder.
Die Rahmenbedingungen gegenüber 2002 haben sich allerdings grundlegen geändert: China spielt auf dem Weltmarkt inzwischen eine deutlich wichtigere Rolle als damals, auch der Verflechtungsgrad zwischen der deutschen und der chinesischen Wirtschaft ist spürbar gewachsen.

Ausbreitung des Corona-Virus in Europa

Vor allem im Ausland tätige Unternehmen haben das Thema "Corona" seit einigen Wochen im Fokus. Nach dem Ausbruch in Italien wächst auch in Deutschland die Sorge. Viele Unternehmen prüfen deshalb, ob und wie sie von den Folgen betroffen sein könnten. Mindestens 300 Unternehmen aus dem Einzugsgebiet der IHK für Oberfranken Bayreuth haben Geschäftskontakte mit Italien.
Auswirkungen betreffen aktuell vor allem Schutzmaßnahmen der Unternehmen für ihre Mitarbeiter vor Ort, nicht dringend erforderliche Geschäfts- oder Messereisen werden vielfach verschoben. Betroffen von den Auswirkungen sind vor allem international vernetzte Unternehmen.
Die Deutsche Post hat die Zustellung von Paketen in die besonders betroffenen Regionen ausgesetzt.

Bedeutung Italiens als Handelspartner

Italien ist nach den USA, China, Österreich, Frankreich und Großbritannien wichtigster Abnehmer bayerischer Produkte (Rang 6). In den ersten elf Monaten des Jahres 2019 gab es gegenüber 2018 ein Plus von 0,7 Prozent auf 11,6 Milliarden Euro. Im Vergleich zu 2015 betrug der Exportzuwachs 15,7 Prozent.
Bei den Importen nach Bayern liegt Italien auf Rang 5, nach Österreich, China, Tschechien und Polen. Güter im Wert von 11,1 Milliarden Euro wurden in den ersten elf Monaten 2019 nach Bayern eingeführt.
Von der Corona-Ausbreitung besonders betroffen ist dabei der wirtschaftsstarke Norden Italiens. Aktuell haben erste Unternehmen außerhalb der Sperrzonen die Produktion eingestellt.