26.08.2019

Lichtenfelser Industrie schwächelt

Umsatzrückgang von 10,9 Prozent im ersten Quartal 2019


Innerhalb kurzer Zeit haben sich die Fundamentaldaten der Lichtenfelser Industrie gedreht. Lag der Umsatzzuwachs im ersten Quartal 2019 im Vergleich zum Vorjahr noch 3,6 Prozent über dem Vorjahresergebnis, verzeichnet die Industrie im zweiten Quartal ein Minus von 10,9 Prozent. Auch die Beschäftigtenzahl war im zweiten Quartal rückläufig, und zwar um 2,8 Prozent. "Der Nachfragerückgang im Automobilsektor und in der Polstermöbelindustrie hinterlassen ihre Spuren im Wirtschaftsraum Lichtenfels, so Wilhelm Wasikowski, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des IHK-Gremiums Lichtenfels.
"Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 entwickelte sich die Lichtenfelser Industrie außerordentlich positiv. Die Zahl der Industriebeschäftigten stieg seitdem um gut 15 Prozent, der Umsatz sogar um 24 Prozent", so Wasikowski. Vier Branchen sind oberfrankenweit vom aktuellen Umsatzrückgang in der Industrie besonders stark betroffen: Die Kfz-Zulieferer, die Polstermöbelhersteller – die größten Arbeitgeber im Landkreis – die Glas- und Keramikindustrie sowie die Textilindustrie.
Kfz-Zulieferer und Polstermöbelhersteller unter Druck
Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 gingen Beschäftigten- und Umsatzzahlen bei der Polstermöbelindustrie spürbar nach oben. Seit Mitte 2016 trübt sich die Entwicklung in dieser Branche allerdings ein, Beschäftigung und Umsatz sind seitdem rückläufig. "Die ausländische Konkurrenz holt bei Qualität und Design spürbar auf", so Wasikowski. "Hinzu kommen die immer noch deutlich niedrigeren Personalkosten etwa in Polen, was bei einer Branche mit viel Handarbeit ein elementarer Standortvorteil ist."
Auch die Kfz-Zulieferer, sind in den vergangenen Monaten zusehends unter Druck geraten. So hatte etwa VW die Vorbereitung auf den neuen Abgastest WLTP regelrecht verschlafen, der Flughafen BER Berlin kam 2018 unerwartet zu einer Nutzung – als Parkplatz für mehrere 1.000 Pkw. Wasikowski: "Hinzu kommt nicht nur in China – längst einer der wichtigsten Absatzmärkte für deutsche Autos – ein spürbarer Nachfragerückgang. In Konsequenz wurden auch weniger Pkw verkauft, was nicht ohne Auswirkungen auf unsere heimischen Zulieferer bleibt."
Konkrete Zahlen zur Bedeutung der Kfz-Zulieferer im Landkreis Lichtenfels gibt es nicht, weil sich diese unter verschiedenen Branchen subsummieren. So sind etwa ein großer Teil der Hersteller von Kunststoffwaren Zulieferer der Kfz-Industrie, aber auch Unternehmen aus dem Maschinenbau, der Keramik- und Glasindustrie oder der Textilindustrie beliefern Automobilhersteller. Nach IHK-Schätzungen macht die Lichtenfelser Industrie fast die Hälfte ihres Umsatzes im Automobilsektor. Wasikowski: "Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass sich der schleppende Verkauf von Autos auch im Landkreis Lichtenfels bemerkbar macht."
Hat die Politik ihre Hausaufgaben gemacht?
Man dürfe die Ursachen für den rückläufigen Umsatz aber nicht nur im Ausland sehen, auch der Blick auf Deutschland werde immer wichtiger. "Trump, die Auseinandersetzungen USA-China und der Brexit hinterlassen ihre Spuren – keine Frage", so Wasikowski. "Deutlich wird aber auch, dass wir in Deutschland unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben. Es gibt wohl kaum ein anderes Land, das seine Leistungsträger so schlecht behandelt wie Deutschland. Es fehlt einfach das Bewusstsein, dass wir in Deutschland unseren Wohlstand nicht zuletzt unserer starken Industrie verdanken." Dies werde "belohnt" mit hohen Steuerbelastungen, einer unstrukturierten Energiewende, einer überbordenden Bürokratie und einen Investitionsstau bei der Infrastruktur, vor allem bei der Digitalisierung. Wasikowski: "Wir brauchen keinen Donald Trump und keinen Boris Johnson, die mit ihren Entscheidungen der Wirtschaft schaden. Das schaffen wir in Deutschland auch ohne fremde Hilfe."
Als aktuelles Beispiel nennt er den Referentenentwurf zur "Rückführung des Solidaritätszuschlags". Im Ergebnis würden mittelgroße Personenunternehmen sowie sämtliche Kapitalgesellschaften (GmbH, AG) den Soli weiterhin zahlen. Für mehrere hunderttausend Mittelständler in Deutschland sind die Einkommensteuer und der darauf erhobene Soli die entscheidende Unternehmenssteuer. Hinzu kommt der Soli, den sie auf die Körperschaftsteuer entrichten müssen. Gibt es beim Soli für die besonders betroffenen Unternehmen keine Entlastung, fehlen diese Mittel für Investitionen. Wasikowski: "Aus meiner Sicht ist es nicht nachvollziehbar, dass eine Vielzahl von Unternehmen weiterhin mit dieser Zusatzabgabe in einen wirtschaftlichen Abschwung gehen sollen.“
Nicht betroffen von der nachgebenden Konjunktur in der Industrie sind der Handel, die Dienstleistungen, der Tourismus und das Baugewerbe, wie Wasikowski betont: "Dort verläuft die Entwicklung weiterhin stabil."