05.03.2020

Oberfranken statt Jammer-Franken

4. IHK-Kommunalforum zum Thema "Heimatstrategie"

Um die Heimatstrategie der Bayerischen Staatsregierung ging es am Donnerstag beim 4. IHK-Kommunalforum in Bayreuth, zu dem die IHK für Oberfranken Bayreuth Kommunalpolitiker und Unternehmer eingeladen hatte. "Wir wollen vielleicht bestehende Hürden abbauen, gemeinsam wichtige Themen angehen und voneinander lernen", erläuterte IHK-Hauptgeschäftsführerin Gabriele Hohenner das Ziel des Veranstaltungsformats, zu dem man heuer den Bayerischen Finanz- und Heimatminister Albert Füracker eingeladen hatte. Der versprach, dass die Staatsregierung das Ziel der Heimatstrategie, die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in ganz Bayern, auch weiter mit Hochdruck verfolgen wird.
Im Jahr 2014 hat die Staatsregierung die Heimatstrategie beschlossen und ein Heimatministerium mit Sitz in Nürnberg eingerichtet, das inzwischen zu einem Exportgut geworden. Nicht nur in Nordrhein-Westfalen gibt es inzwischen ein Ministerium mit der Heimat im Namen, auch im Bundesinnenministerium hat die Heimat eine Heimat gefunden. Die Schwerpunkte des Heimatministeriums liegen in der Förderung und Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen in ganz Bayern.
"Wir legen ein Hauptaugenmerk auf die Regionen mit besonderen demografischen Herausforderungen", betont Füracker. Als Beispiele nennt er die laufende Verlagerung von Behörden und staatlichen Einrichtungen aus den Ballungsräumen in den ländlichen Raum, den Ausbau der Hochschulen und Forschungseinrichtungen in ganz Bayern sowie den Breitbandausbau. So werden aktuell rund 45.000 Kilometer Glasfaserleitungen in Bayern verlegt.
Hohenner konstatierte in ihrer Begrüßung, dass sich Oberfranken in den letzten Jahren überaus positiv zu einer erfolgreichen Region entwickelt hat. "Dies verdanken wir maßgeblich den vielfältigen Initiativen der Bayerischen Staatsregierung, die wir im Dialog und enger Vernetzung aller Akteure und Institutionen gemeinsam zum Erfolg gebracht haben", so Hohenner. Auf dem Erfolg dürfe man sich aber nicht ausruhen, sondern müsse die aktuellen Herausforderungen angehen. Als Beispiele nannte die Wirtschaftsvertreterin die Digitalisierung, die Fachkräftesicherung und die Transformation der Automobil- und Zulieferindustrie.

IHK plädiert für rasche Unternehmenssteuerreform

Die Politik sei auf allen staatlichen Ebenen aufgefordert, die Rahmenbedingungen für Unternehmen zu verbessern, um den Standort Deutschland international wettbewerbsfähig zu halten. Ohnehin vorhandene Probleme würden aktuell durch die Corona-Krise noch einmal erheblich verstärkt. Dem Staatsminister überreichte Hohenner eine Resolution, die der IHK-Steuerausschuss verabschiedet hat. Dieser plädiert für eine rasche Unternehmenssteuerreform, durch die Unternehmen entlastet werden. Die Forderungen nahm der Minister auf und erwiderte: "Ich teile nicht alle Forderungen ganz, aber im Grunde sehr".
"Heute seid ihr Oberfranken, nicht mehr Jammer-Franken", betonte der aus der Oberpfalz stammende Heimatminister und lobte damit die Aufbruchsstimmung in Bevölkerung, Kommunalpolitik und Wirtschaft, die man durchaus auch in München wahrnehme. Die Staatsregierung werde den eingeschlagenen Weg entschlossen fortsetzen und etwa die Behördenverlagerungen weiterführen. Das falle bei den betroffenen Mitarbeitern nicht immer auf fruchtbaren Boden. "Deshalb verlagern wir nicht Köpfe, sondern Stellen. Wir setzen auf Freiwilligkeit und den Aufbau neuer Stellen vor Ort. Damit sind wir sehr erfolgreich", betont der Minister, der davon überzeugt ist, dass sich die Verlagerungen auf längere Sicht für die Regionen auszahlen.
Zur Heimatpolitik gehört für Füracker auch der Ausbau der Infrastruktur – aber eben an den Erfordernissen der Region ausgerichtet: "Wir brauchen eine U-Bahn in München. In Selb und Tirschenreuth brauchen wir flexible und am Bedarf angepasste Lösungen für den öffentlichen Personenverkehr." Die Kommunen sieht er mit in der Verantwortung, etwa in der Energieversorgung. Man könne nicht einerseits den Ausstieg aus der Atomkraft und der Kohlekraft beschließen, dann aber gegen jeglichen Ausbau regenerativer Energien oder Stromtrassen sein.

Zusammenarbeit Nährboden für erfolgreiches Unternehmertum

Die beiden oberfränkischen Unternehmer Stephan Gesell und Jörg de Signier machten in kurzen Impulsvorträgen deutlich, dass ein Nährboden für erfolgreiches Unternehmertum vor allem dort entstehen kann, wo privates Engagement, Kommunalpolitik und Staatsregierung an einem Strang ziehen.
"Wir müssen unser Schicksal selber in die Hand nehmen und über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeiten", fordert Gesell, der sich sehr erfolgreich auf den Weg gemacht hat, das große Potenzial des Fichtelgebirges im Gesundheitstourismus zu erschließen. Er gewinnt viele regionale Gesellschafter, begeistert für sein Konzept und baut schließlich mit staatlicher Förderung direkt am Weißenstädter See für 18 Millionen Euro ein Kurzentrum. Das Konzept geht auf und wenige Jahre später entsteht nach ähnlichem Muster; ebenfalls in Weißenstadt; das Gesundheitshotel und Thermalbad Siebenquell in Weißenstadt. Die Hotel-Auslastung liegt bei deutlich über 90 Prozent, der Umsatz liegt bei mehr als 25 Millionen Euro, 300 Mitarbeiter finden eine Festanstellung. Die Investition ist erfolgreich, strahlt als "Mutmacher-Projekt" auf die Stadt und die gesamte Region aus und zieht Folgeinvestitionen nach sich, etwa in der Ortsverschönerung und im Wohnungsbau.  
Paris, Köln, Wunsiedel: de Signier hat 2016 die Firma atlas diamant GmbH in Wunsiedel gekauft und nach beruflichen Stationen in der ganzen Welt den Weg ins gemütliche Fichtelgebirge gefunden. "Ich bin nicht wegen, sondern trotz des Standortes gekommen", so de Signier. Er habe sich den Traum von der eigenen Firma verwirklichen wollen und dafür Oberfranken "auf sich genommen". Heute ist er voll des Lobes für die Region, die ihm die richtigen Freiräume biete, geschäftlich und auch persönlich. Anders als in der Großstadt sei er hier als Unternehmer nicht einer von vielen. De Signier lobt, dass Banken, Stadt, Landkreis, Regierung und öffentliche Stellen ihn hervorragend unterstützen und ihn schätzen. "In einer Großstadt wird man als Unternehmer nur verwaltet. Im Fichtelgebirge wird man als Partner akzeptiert und gewürdigt." De Signier lobt auch seine hervorragenden und loyalen Mitarbeiter, die für den Erfolg seiner Firma von großer Bedeutung sind.