24.04.2020

Wirtschaft im Landkreis Wunsiedel: Rückkehr zur Normalität?

IHK-Vizepräsidentin Dr. Laura Krainz-Leupoldt zu den aktuellen Herausforderungen

"Die Auswirkungen der Corona-Krise auf unsere heimische Wirtschaft fallen deutlich stärker aus, als bei der Finanzkrise 2008", so Dr. Laura Krainz-Leupoldt, Vizepräsidentin der IHK für Oberfranken Bayreuth und Vorsitzende des IHK-Gremiums Marktredwitz-Selb. 82 Prozent der oberfränkischen Unternehmen erwarten – so das Ergebnis einer aktuellen IHK-Umfrage – für 2020 einen Umsatzrückgang, jedes dritte Unternehmen rechnet mit einem Personalabbau, zwölf Prozent der Unternehmen droht demnach sogar die Insolvenz. Umso wichtiger sei es, Öffnungen schrittweise zu realisieren. Krainz-Leupoldt begrüßt auch die aktuellen Erleichterungen für die tschechischen Grenzpendler ab 27. April.
Mit der Corona-Soforthilfe, der Ausweitung der Kurzarbeiterregelung, Steuererleichterungen und Kreditprogrammen mit weitgehender Haftungsfreistellung hat die Politik ein ausgewogenes Gesamtpaket zusammengestellt. Nirgendwo sonst gebe es ähnlich umfangreiche Hilfsmaßnahmen. Dafür dankt die IHK-Vertreterin im Namen der betroffenen Unternehmerinnen und Unternehmer der Politik. Sie lobt auch die Regierung von Oberfranken, die bisher über 10.000 Anträge für die Corona-Soforthilfe bearbeitet hat. "Wichtig ist nun, dass das Geld auch zeitnah bei den Unternehmen ankommt", so Krainz-Leupoldt: "Bei vielen Unternehmen können wenige Tage über 'Sein' oder 'Nicht-Sein' entscheiden."

Einzelhandel: Abgrenzungen ungerecht?

Krainz-Leupoldt begrüßt die schrittweise Rückkehr zur Normalität. Dass diese Öffnungen schrittweise vollzogen werden müssen, sei nachvollziehbar. Krainz-Leupoldt: "Unsere Unternehmen und die vielen Soloselbständigen brauchen möglichst frühzeitig Planungssicherheit, unter welchen Rahmenbedingungen die Aktivitäten wieder gestartet oder ausgeweitet werden dürfen." Bei allen Regulierungen sollte der Grundsatz "keep it simple" gelten.
"Hilfreich wären dazu fixe Regeln für alle Branchen. Es ist dem Betreiber eines kleinen Schuhladens oder einer kleinen Mode-Boutique in einer Shoppingmall nur schwer zu vermitteln, warum er ab dem 27. April nicht öffnen darf, seine Konkurrenz in der Fußgängerzone aber schon", so die IHK-Vizepräsidentin. "Ich kann die Argumentationsschiene nachvollziehen, trotzdem halte ich es für falsch, dass Geschäfte über 800 Quadratmeter und alle Geschäfte in Malls und Fachmarktzentren geschlossen bleiben müssen. Das empfinden die betroffenen Händler als ungerecht, wie auch zahlreiche Anrufe bei der IHK zeigen." Erste gerichtliche Entscheidungen bestätigen den Zweifel an der Rechtmäßigkeit dieser Abgrenzung mit den 800 Quadratmetern. Zwei Drittel der Einzelhändler haben in der IHK-Blitzumfrage einen Stillstand der geschäftlichen Tätigkeit angegeben.
Hart trifft es auch die Unternehmen im Veranstaltungssektor, im Messewesen sowie Schausteller, da bis auf weiteres keine Großveranstaltungen, Messen oder Volksfeste stattfinden.

Wann dürfen Hotels und Gaststätten wieder öffnen?

Hart trifft es auch Hotellerie und Gastronomie, die auch weiterhin geschlossen bleiben müssen. Im Gegensatz zu anderen Branchen ist der Umsatz für die vergangenen Wochen endgültig verloren, kann auch nicht mehr nachgeholt werden. Krainz-Leupoldt: "Den Hotels und Gaststätten setzt das empfindlich zu, gerade in dieser Branche stehen viele Unternehmen vor dem Aus." Wenn im Zuge der Lockerung auch diese Betriebe öffnen dürfen, muss dies sicherlich mit Einschränkungen verbunden sein, etwa die Einhaltung eines Mindestabstandes, der Verzicht auf Büfetts, Bodenmarkierungen beim Check-in von Hotels oder die Anbringung einer Hygieneschutzwand beim Empfang. Damit der Umsatz zum Überleben reicht, sollten die Öffnungszeiten von Gastronomiebetrieben einen Frühstücksservice sowie Mittags- und Abendtisch ermöglichen, fordert Krainz-Leupoldt. Bei der IHK-Blitzumfrage haben 90 Prozent der Hotels und Gaststätten angegeben, aktuell keinen Umsatz zu machen, über 70 Prozent denken über Entlassungen nach.

Reisebüros in großen Schwierigkeiten

Noch härter trifft es Reiseveranstalter und Reisebüros. Krainz-Leupoldt: "Reisebüros dürfen zwar wieder öffnen, können aber praktisch nichts verkaufen." Nicht nur, dass stationären Reisebüros fast das komplette Neugeschäft weggebrochen ist, der Umsatz aus dem Reisevertrieb wird nur sehr langsam wieder zurückkehren. Hinzu kommt, dass Reisen im großen Stil storniert werden mussten. Damit entfallen rückwirkend die Provisionen, die das Reisebüro bereits erhalten hat, also auch der Gewinn der vergangenen Monate entfällt. "Kein Neugeschäft, die Zurückzahlung bereits erhaltener Provisionen, unbezahlte Mehrarbeit wegen der Stornierungen und unsichere Zukunftsaussichten: Vor diesem Hintergrund finde ich die Forderung der Branche nach einem eigenen Rettungsschirm absolut plausibel", so Krainz-Leupoldt. Über 80 Prozent der Unternehmen in der Reisewirtschaft machen, so die jüngste IHK-Blitzumfrage, aktuell keinen Umsatz, zwei von drei Unternehmen schließen Entlassungen nicht aus.

Industrie von Wertschöpfungsketten abhängig

"Anders die Situation in der Industrie. Hier muss statt der einzelbetrieblichen Situation die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet werden", betont Krainz-Leupoldt. "Die Industrie ist Motor unserer regionalen Wirtschaft und erwirtschaftet eine hohe Wertschöpfung. Nun muss es das Ziel sein, die gesamte Wertschöpfungskette zum Laufen zu bringen und nicht nur einzelne Teilebereiche." Sie macht das am Beispiel der Automobilbranche deutlich: "Hier gibt es ein enges Zusammenspiel mit den vielen Zulieferern auf der einen und den Autohäusern auf der anderen Seite", so Krainz-Leupoldt: "Notwendig ist ein möglichst EU-weit abgestimmter Zeitplan, damit Industriebetriebe und Logistiker europaweit ihre Lieferketten wieder aufeinander abstimmen können." Sie spricht sich ganz klar für mehr Miteinander statt Neben- oder Gegeneinander auf EU-Ebene aus.

Lockerung der Grenzpendlerregelung

Ein Dorn im Auge ist ihr auch die Regelung für tschechische Pendler. Krainz-Leupoldt: "Aktuell müssen tschechische Mitarbeiter in einigen Betrieben in unserer Region mindestens zwei Wochen bei uns arbeiten und anschließend für mindestens zwei Wochen bei sich zu Hause in häusliche Quarantäne." Ab 27. April, Mitternacht, tritt eine neue Regelung in Kraft, so die IHK-Vizepräsidentin. Künftig gibt es für Berufspendler drei Möglichkeiten:
  • Pendeln nach den bisherigen Regeln mit zwei Wochen Quarantäne in Tschechien,
  • Vermeidung der Quarantäne durch das Vorlegen eines negativen Corona-Testergebnisses, das nicht älter ist als vier Tage
  • oder tägliches Pendeln mit der so genannten "Botschafternote" für Betriebe, denen die Einstufung als systemrelevant bescheinigt wurde.
Krainz-Leupoldt begrüßt diese Anpassung als ersten wichtigen Schritt zurück zur Normalität.

Appell an Verbraucher

"Für die besonders betroffenen Branchen im Gastgewerbe oder im Einzelhandel baue ich auf die Solidarität der Verbraucher. Wer auch künftig noch belebte Innenstädte und eine attraktive Gastronomie vor Ort haben will, muss lokal einkaufen und verzehren", appelliert Krainz-Leupoldt an die Verbraucher.
Krainz-Leupoldt dankt auch der Mitarbeitern der IHK-Task Force in Bayreuth, die die betroffenen Unternehmen informieren und unterstützen: Über 230.000 Zugriffe auf die täglich mehrfach aktualisierte Homepage seit dem 13. März, gut 18.000 telefonische Beratungen und über 40 Newsletter an mittlerweile 1.700 Abonnenten sprächen eine deutliche Sprache: www.bayreuth.ihk.de/corona